Rahimi, der sich auch im Verein Willkommen in Bautzen engagiert, verbindet sein gesellschaftliches Engagement mit künstlerischer und akademischer Arbeit. Parallel zu seinem Online-Masterstudium und dem intensiven Erlernen der deutschen Sprache nahm er an internationalen Projekten teil, die Erinnerung und Verantwortung in den Mittelpunkt stellen. Besonders prägend war für ihn das Programm „From Memory to Action“, das ihn an ehemalige NS-Zwangsarbeitslager führte – unter anderem in eine frühere Pulverfabrik in Deutschland und in das Konzentrationslager Mauthausen in Österreich. Über diesen Besuch handelt auch der folgende Text des Autors.
Während dieser Begegnungen mit Orten der Gewalt und des menschlichen Leids begann Rahimi, seine Eindrücke in Texten und Bildern festzuhalten. Entstanden sind Gedichte, Fotografien und eine bewegende Erzählung, die versuchen, die Stimmen der Opfer wieder hörbar zu machen. Seine Arbeiten wurden beim internationalen Festival des Projekts präsentiert – als literarisch-visuelle Brücke zwischen Vergangenheit und Gegenwart, Erinnerung und Verantwortung.
Ein kurzer, emotionaler Text von Said Ramin Rahimi:
186 Stufen des Todes
Ich versetze mich in die Lage eines Arbeiters in Mauthausen.
Ich stehe noch immer auf der ersten Stufe.
Es ist, als würde ich ertrinken, als wäre ich aus der Welt gefallen.
Als wäre ich 186 Jahre alt geworden – so viele Jahre, wie es „Todesstufen“ in Mauthausen
gibt.
Seit dem Moment, in dem ich Mauthausen betrete, fühlt es sich an, als hätte man mir einen
riesigen Steinblock auf die Schultern gelegt – und mit jeder Sekunde wird er schwerer.
Als ob das ganze zwanzigste Jahrhundert auf mich herabgesunken wäre.
Als wäre ich in die Vergangenheit zurückgeworfen, die Stiege hinauf, und mit jeder Stufe
komme ich dem Tod näher – einem langsamen, doch unausweichlichen Tod.
Ich stehe jetzt auf der zehnten Stufe, und mein Atem wird schmaler.
Ich bin ein Arbeiter, doch zum Sterben verurteilt.
Auf meiner Akte ist eingeritzt: „Von der Arbeit in den Tod.“
Ich steige diese Stufen wie jene hinauf, die Leichen tragen – nur trage ich diesmal meine
eigene.
Ich gehe schneller, um nicht zurückzubleiben – vielleicht nicht hinter dem Zug des Todes
selbst.
Ich halte nur einen Augenblick inne,
und man peitscht mich so erbarmungslos, dass ich mich selbst vergesse – so wie die
Geschichte mich vergessen hat.
Ich habe die fünfzigste Stufe erreicht.
Schon der Klang des „–ler“ ekelt mich an,
wie in Hitler und Himmler.
Mein Atem stockt, mein Rücken ist gebrochen, doch ich gehe weiter, weil ich gehen muss –
gezwungen wie all die anderen Arbeiter, die mit unseren eigenen Händen und Füßen
Gefängnisse erbauen,
für uns selbst und für andere Menschen.
Aber ich muss weiter! Weiter in den Tod, nicht ins Leben.
Letzte Nacht habe ich nur fünf Stunden geschlafen – fünf Stunden mitten im Lager.
Die ganze Nacht habe ich an meine Mutter gedacht, die sagte: „Gott liebt gute Menschen.“
Aber wo ist Gott? Und wo sind die guten Menschen, die mich nicht sehen?
Vielleicht trägt Gott selbst Sadismus in sich, vielleicht erfreut er sich an unserem Leid,
da er dieses Schlachten nicht aufhält.
Der Gott, von dem meine Mutter sprach!
Erst gestern – vor den Augen des Gottes meiner Mutter und aller anderen – wurden einige
Arbeiter, die nicht mehr arbeiten konnten, mitten in Mauthausen erschossen,
und andere so grausam geschlagen, dass sie nie wieder geatmet haben.
Ich bin auf der hundertsten Stufe angekommen.
Ich atme nur noch in Qual.
Mein Rücken ist stärker gekrümmt als je zuvor, und Schweiß und Schmerz haben nicht nur
meinen Körper,
sondern auch meine Seele überwältigt.
Meine Augen sehen kaum noch. Ich will die nächste Stufe erklimmen, doch ich weiß nicht:
Steige ich sie hinauf für das Leben – oder für meinen eigenen Tod?
Denn wenn ich die 186. Stufe erreiche, werde ich getötet;
und wenn ich zurückfalle, werde ich ebenfalls getötet.
Ich kann nicht mehr. Ich lasse los – ich lasse den Stein los,
ich lasse mich los.
Denn der Stein auf meinen Schultern
ist mein Grabstein.

