PM: Korrekte Diagnose, unzureichende Behandlung

Therapieangebote für traumatisierte Geflüchtete sollen ausgebaut werden

Die Forderungen von Kerstin Schreyer und Geert Mackenroth, Ausländerbeauftragte Bayerns und Sachsens, zeigen, dass sie erkannt haben, dass traumatisierte und psychisch erkrankte Schutzsuchende häufig nur ungenügend behandelt und versorgt werden. Sollte ein flächendeckendes Netz an Therapieangeboten geschaffen werden, würde dies der hohen Nachfrage entgegenkommen. Doch sind viele Probleme, mit denen geflüchtete Menschen hier zu kämpfen haben, hausgemacht. Allein die Praxis der Krankenscheine anstelle der elektronischen Gesundheitskarte oder die zentrale Unterbringung verkomplizieren die Arbeit der Beratungsstellen und sorgen für unnötige Schwierigkeiten bei den bereits belasteten Betroffenen.

Für die ersten 15 Monate in Deutschland müssen kranke Menschen im Asylverfahren Krankenscheine beantragen. Die gefährliche Folge ist, dass Angestellte der Sozialämter darüber entscheiden, ob Behandlung und Versorgung genehmigt wird – also medizinische Entscheidungen fällen. Das dürfte einer fragwürdigen Kompetenzzuschreibung entsprechen. Sachsen könnte mit einer elektronischen Gesundheitskarte verhindern, dass chronisch kranke Menschen teilweise alle drei Tage neue Medikamente beim Sozialamt beantragen müssen. Zudem muss bei einem solchen Programm unbedingt beachtet werden, dass auch die Behandlungsangebote gestärkt werden. Allein auf Beratung zu vertrauen genügt bei vielen Einzelfällen nicht. Zwar wurde in Leipzig ein Behandlungsangebot geschaffen, im Dresdner Psychosozialen Zentrum dagegen muss allein die Beratung genügen. Oftmals ist nicht sichergestellt, dass Betroffene auch wirklich solche Angebote aufsuchen. Über einen Gesundheitscheck nach der Ankunft, der über die bloße Erstuntersuchung hinausgeht, könnten Menschen mit besonderer Bedürftigkeit nach Beratung und Behandlung identifiziert werden. Generell sollte die Landesregierung anstreben, wissenschaftliche Erkenntnisse über die Anzahl Betroffener, die Art ihrer Erkrankungen, ihrer spezifischen Betroffenheit und über bestmögliche Behandlung und Versorgung zu erlangen.

Unnötige Regularien und Bürokratie wirken psychischer Gesundheit entgegen

Starke Belastung erfahren Menschen, die zentral in Gemeinschaftsunterkünften und Erstaufnahmeeinrichtungen untergebracht sind. Eine dezentrale Unterbringung bei weiter finanzierter, sensibiliserter Sozialarbeit verhindert Belastungen wie Lärm und mangelnde Privatssphäre. Aus Fachkreisen wird berichtet, dass eine Traumabehandlung erst bei einem gesicherten sozialen Umfeld erfolgen sollte, sie anderenfalls gar mehr schaden als nutzen könnte. Sollte die sachseninterne Wohnsitzauflage zudem bald geflüchteten Menschen vorschreiben, wo sie zu leben haben, wäre eine weitere bürokratische Hürde geschaffen um spezifische, nicht überall vorhandene Behandlung und Versorgung zu erhalten.

Vollkommene Unsicherheit löst die Angst vor der Abschiebung aus. Eine Rückkehr in ein Land, aus dem mit gutem Grund geflohen wurde, kann zur alles überschattenden Horrorvorstellung mutieren.

Besonders betroffen sind unbegleitete Minderjährige. Haben sie in den für sie geschaffenen Unterkünften nach ihrer Ankunft – wieder – tragfähige Beziehungen geschaffen und Vertrauen gefasst, brechen diese mit Erreichen der Volljährigkeit weg. Der Kontrast zwischen einer auf ihre Bedürfnisse zugeschnittenen Einrichtung und einer Gemeinschaftsunterkunft oder gar Erstaufnahmeeinrichtung ist drastisch.

Auch die freudige Nachricht, dass jemand der Flüchtlingsstatus zuerkannt wurde, kann getrübt werden, wenn die Krankenkasse mit dem Übergang ins Sozialgesetzbuch plötzlich nicht mehr die Sprachmittlung finanziert. Doch bei der Behandlung psychischer Erkrankungen ist Übersetzung eine essentielle Voraussetzung für deren Erfolg.

Dass der Alltag geflüchteter Menschen auf diese Weise erschwert wird, muss nicht sein. Die Forderungen Mackenroths und Schreyers wären, einmal umgesetzt, wünschenswerte Entwicklungen. Der Sächsische Ausländerbeauftragte muss nun seinen Einfluss in der Koalition nutzen, sodass der Rhetorik auch Taten folgen. Wenn er es ernst meint mit der psychischen Versorgung geflüchteter Menschen, dann ist der Ausbau von Angeboten nur ein erster Schritt.