PM: Unfälle, Brände, Rassismus – Lage in Schneeberg weiter angespannt

Geflüchtete aus Lager Schneeberg veröffentlichen Brief
Knapp 50 Geflüchtete aus dem Lager Schneeberg haben sich in einem Brief an die verantwortlichen Behörden gewandt. Es ist der zweite Brief aus dieser Aufnahmeeinrichtung, den der SFR heute veröffentlicht. Der erste wurde am 30. April versandt. Nachdem es vorvergangene Woche Donnerstag, dem 16. Juli 2020, einen schweren Brand in der Aufnahmeeinrichtung gab, schrieben knapp 50 Bewohner*innen ihre Beschwerden vier Tage später nieder. Mit Blick auf Belegungszahlen vom 13. Juli 2020 ist das etwa die Häfte der Menschen, die derzeit im Lager Schneeberg leben müssen.

Viele der Vorwürfe sind dem SFR bekannt. So ist die Stadt Schneeberg schwer zu erreichen. Die Bundesstraße 169 führt in die Stadt, bereits im April hatten Bewohner*innen dem SFR berichtet, wie gefährlich der Fußweg nach Schneeberg sei. Die LDS berichtet auf Anfrage des SFR, dass ihr keine Unfälle bekannt seien, zudem gebe es einen sicheren Weg in die Stadt. Ein Bewohner aus Schneeberg auf neuerliche Anfrage dazu:

„Der Zugang auf den sicheren Weg soll eigentlich über ein anderes Gate erfolgen. Aber das ist immer verschlossen. Außerdem ändert sich nichts daran, dass alles weit weg ist! Für mich als jungen Mann mag das okay sein, aber wie sollen ältere Menschen oder schwangere Frauen ihre Einkäufe den ganzen Weg tragen?“

Viele Formen von Gewalt müssen nahezu unerkannt bleiben

Was den Rassismus betrifft, so kann aus Sicht des SFR nur kommentiert werden: er ist Teil dieser Gesellschaft, auch das Personal eines Lagers – was an sich schon institutionellen Rassismus darstellt – wird rassistisch handeln. Dafür bedarf es Sensibilität und Professionalität, die jedoch nicht in jeder Situation gegeben scheinen. „Dies, wie auch die im Brief beschriebene erodierende psychische Situation sind nur zwei Gründe, warum Lager aufgelöst werden müssen. Nicht erst seit der Pandemie!“ fordert Paula Moser für den SFR. Es gebe ein Gewaltschutzkonzept wie auch eine Gewaltschutzbeauftragte, betont die Landesdirektion. Moser hierzu: „Das sächsische Gewaltschutzkonzept kennt diese Formen der Gewalt nicht, von denen hier die Rede ist. Allein schon, weil dort Gewalt nicht entsprechend der Istanbul-Konvention des Europarats definiert ist. Die kennt neben körperlicher auch Formen sexueller, psychischer oder wirtschaftlichen Gewalt.“

Doch nicht nur hier muss nachgebessert werden: ob über die Schnellstraße oder einen anderen Weg, das Lager ist infrastrukturell kaum angebunden. Seien es Gesundheitsversorgung, Einkäufe oder auch nur ein Minimun an sozialer Teilhabe – dort, wo das Lager liegt, sind all diese Alltagsbedürfnisse nahezu unmöglich zu stillen. Ein weiteres Problem im Lager seien laut Bewohner*innen die mangelhafte Qualität des ausgeteilten Essens. Teilweise seien verschimmelte Nahrungsmittel ausgeteilt worden.

Selbiger Bewohner aus Schneeberg betont auch in diesem Zusammenhang: „Wir sind keine Tiere! Aber alles, was wir hier tun können, ist essen und schlafen. Es gibt hier nichts!“

Ausgeteiltes Essen im Lager Schneeberg
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Das Lager Schneeberg von innen
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Warum ein Lager im Nirgendwo?

Moser vermutet: „Dass es gerade Schneeberg und Dölzig sind, wo sich die Menschen vehement gegen die Unterbringung aussprechen, könnte sich mit deren Lage begründen lassen,“ und fordert erneut deren alsbaldige Auflösung, gemeinsam mit der Einrichtung in Grillenburg. Tatsächlich gab es bereits in der Vergangenheit Brände im Lager, so hatten es Geflüchtete beispielsweise am 30. April berichtet und auch im Brief geschrieben. „Was auch immer die Ermittlungen ergeben – die Lage in Schneeberg ist angespannt.“

Dass die Lage angespannt ist, ist wiederum keine Neuigkeit. Schon am 12. Mai schrieb der SFR: „…das Staatsministerium des Inneren [muss] nun eine politische Lösung finden,“ und meinte das Leeren der Lager. In Dölzig hatten Geflüchtete bereits am 11. Mai gegen ihre Unterbringung demonstriert, eine weitere Demo folgte am 27. Mai in Leipzig. Die Landesdirektion hat indes beide Lager mehr und mehr geleert, wie eine Anfrage von Jule Nagel, MdL, beim Sächsischen Innenministerium zeigte.

Lager Sachsen Belegung Entwicklung

Kontakt:
Eine Vermittlung von Journalist*innen zu den Bewohner*innen kann über den SFR erfolgen:
Sächsischer Flüchtlingsrat
-Paula Moser-
Tel.: 0351 / 33 23 55 94
Mobil: 0176 427 286 23
Mail: pr@sfrev.de

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